Der Stieglitz – Vogel des Jahres 2016

Stieglitz

Mit seiner Farbenpracht wirkt der Stieglitz (Carduelis carduelis; Foto: ©  A. Weller) in heimischen Regionen recht exotisch – eigentlich Grund genug, diesem apart anmutenden Singvogel den diesjährigen Titel „Vogel des Jahres“ zu verleihen. Das Gefieder variiert in Pastelltönen und kräftigen Farben, und durch seine schwarz-rote Gesichtsmaske ist der Vogel eigentlich unverkennbar. Dazu kommt der markante, rastlos zwitschernde Gesang, den die Männchen im Frühjahr gern von Baumspitzen oder Freileitungen hören lassen. Schließlich sind es die sich wiederholenden, auch im Flug geäußerten arttypischen Rufe („tigg-litt“), die für die Art namensgebend waren. Früher war der Stieglitz ein beliebter, anspruchsloser Käfigvogel, der gern an Stelle von Papageien und anderen Exoten gehalten wurde. Heutzutage kennt man ihn jedoch meist nur noch vom Hörensagen. Denn der auch Distelfink genannte Vertreter der Finkenvögel (Familie Fringillidae) steht symbolhaft für all jene Arten, deren Überleben vom Vorhandensein wenig genutzter bis brachliegender offener Lebensräume abhängt – die bundesweit stark im Rückgang begriffene Refugien darstellen.

Stieglitze gehören (noch) zu den häufigeren Vertretern der europäischen Avifauna. Bei den Zahlen für die Gesamtpopulation in Deutschland gehen die Expertenmeinungen weit auseinander, aber es dürften zwischen 300.000 und 500.000 Individuen sein. Angesichts der zunehmenden Urbanisierung mit Unwandlung scheinbar „wertloser“ Habitate wie Brachflächen und nicht mehr profitabler Obstgärten in Bauland hat der Stieglitz mittlerweile zahlreiche seiner angestammten Lebensräume verloren. Dies hatte bzw. hat erhebliche Bestandseinbußen zur Folge, und Fachleute schätzen den Rückgang der heimischen Bestände alleine in den letzten 15 Jahren auf nahezu 50%. Wiesen mit reichen Beständen an Wildblumen, darunter die gern präferierten Disteln der Gattungen Carduus und Cirsium, mussten vielerorts dem Siedlungs- und Straßenbau oder Kulturflächen weichen. So ist auch der Stieglitz gezwungen, Ersatzhabitate zu besiedeln. In Innenstädten mit ausreichendem Bestand an Grünflächen ist er ebenso Brutvogel wie auf Friedhöfen, in Alleen oder Kleingartenanlagen. Voraussetzung für eine erfolgreiche Brut stellt allerdings das Vorhandensein mittlerer bis höherer Laubbäume dar, denn er meidet dichtes Buschwerk und meist auch Nadelgehölze als Neststandorte. Die Nahrung besteht aus Sämereien jeglicher Art und Insekten, im Winterhalbjahr werden bei Dauerfrost auch gern Futterhäuschen angenommen. Bei höheren Temperaturen sollte man aber auf eine Zufütterung verzichten, denn die Vögel können sich – sofern kein Schnee liegt – problemlos selbst versorgen. Und einen angenehmen ökologischen Nebeneffekt hat dieser Verzicht auch noch: die Stieglitze – wie andere Vogelarten auch – stellen dann vermehrt Schädlingen nach, die sich sonst ebenfalls leichter vermehren würden.

 

Vogel des Jahres 2015