Umstritten: der Vogel des Jahres 2010
Nicht von ungefähr fiel die Wahl des Vogels 2010 auf den in Mitteleuropa kontrovers diskutierten Kormoran (Phalacrocorax carbo), der wie nur wenige andere Vogelarten derzeit im öffentlichen Fokus steht. Auf dem Speisezettel des knapp meterlangen schwarzen Wasservogels stehen nämlich vor allem kleinere Fische bis 35 cm Länge, die er geschickt tauchend in Fließ- und Standgewässern sowie im Meer erbeutet. Bei Fischereiverbänden und Hobbyanglern steht der Kormoran daher nicht hoch um Kurs, sondern schlimmstenfalls auf der Abschussliste, da er im Binnenland neben einem überwiegenden Anteil an Weiß- bzw. Karpfenfischen (Cyprinidae) auch Edelfische, wie z.B. Bachforellen, erbeutet. Demgegenüber treten Naturschützer engagiert gegen die Dezimierung dieser Art ein.
Mit behördlicher Genehmigung wurden alleine im Jahr 2009 in Nordrhein-Westfalen offiziell mehr als 4000 Individuen erlegt, eine Zahl, die den derzeitigen Brutbestand des Bundeslandes deutlich übersteigt und darauf schließen lässt, dass es bei einem Großteil der hier beobachteten (und bejagten) Vögel hauptsächlich um Zuggäste handelt. Wie Ringfunde der Vogelwarten belegen, zieht es gerade im Winterhalbjahr nördliche Populationen, vor allem Brutvögel aus dem Baltikum, in mitteleuropäische Gefilde, wo sie die lokalen Bestände zahlenmäßig signifikant ergänzen. In seltenen Fällen erfolgt auch Zuzug aus dem Mittelmeerraum. Ein kleinerer Teil der zugezogenen Vögel übersommert anschließend im Binnenland. Seit Beginn der 1980er Jahren die strenge Unterschutzstellung der Restpopulationen des damals in Mitteleuropa nahezu ausgestorbenen Kormorans (beispielsweise gab es in Ostdeutschland Ende der 1970er Jahre noch eine einzige Brutkolonie) erfolgte, haben sich die Bestände europaweit wieder kontinuierlich erholt.
Kormorane sind Koloniebrüter (Brutbeginn ab März) und besiedeln in naturnahen Lebensräumen hauptsächlich Auwälder sowie küstennahe Bereiche, wobei sie häufig aufgrund des Düngereintrags ihre oft jahrzehntelang benutzten Horstbäume im Laufe der Zeit zum Absterben bringen. Diese gemeinschaftliche Lebensweise nutzen sie auch hinsichtlich der Effektivität und Optimierung der Fangmethoden. Sie sind sowohl als Einzeljäger als auch im Verband jagend anzutreffen und treiben Beutefische häufig in ufernahe Bereiche. Versuche, Fischbestände in strukturarmen Gewässern mit Hilfe des Eintrags von Totholz in Ufernähe als Rückzugsort passiv zu schützen, schlugen bislang fehl. Somit wird die Debatte Vogel- kontra Fischschutz vorerst weiter gehen und damit einher der legale jährliche Abschuss tausender weiterer Kormorane.
Weltweit gibt es etwa 40 Kormoranarten, die als größte Familie innerhalb der Ruderfüßer (Pelecaniformes) in zwei oder drei Gattungen unterteilt werden. Der auch in Europa verbreitete Kormoran hat von allen Verwandten das größte Verbreitungsgebiet und kommt vom Osten Nordamerikas über Europa, NW-Afrika und Asien bis Australien und Neuseeland vor. In Mitteleuropa ist die eurasische Unterart P. c. sinensis vertreten. In Europa gibt es außer dem Kormoran noch weitere Verwandte, die Krähenscharbe (P. aristotelis) und die Zwergscharbe (P. pygmeus).
Einige Kormoranarten werden sogar wirtschaftlich genutzt. Der an der Atlantikküste Südamerikas lebende Guanokormoran (P. bougainvillii) ist Hauptlieferant von Guano, einem begehrten, stickstoff- und phosphorreichen Düngemittel. In China und Japan wurden Kormorane früher zum Fischfang dressiert, Mittels eines Halsrings wurden die Vögel davon abgehalten, die Beute zu verschlucken. Heute wird diese Form des Fischfangs überwiegend für touristische Zwecke praktiziert.
Zu den global gefährdeten Kormoranarten zählen u. a. der Sokotrakormoran (P. nigrogularis; Arabischer Golf und Indischer Ozean), die flugunfähige Galapagosscharbe (Phalacrocorax harrisi) und die vom Aussterben bedrohte Clathamscharbe (P. onslowi; Neuseeland). Als einzige Art ist der Brillenkormoran (P. perspicillatus) bereits Mitte des 19 Jahrhunderts kurz nach seiner wissenschaftlichen Entdeckung ausgestorben.
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