Heimliche Bewohner des Rohrdschungels: Rallen
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Zu den am wenigsten bekannten und seltensten Vertretern der heimischen Vogelwelt gehören die Sumpfhühner der Gattung Porzana. Sie sind mit der häufigeren, aber ebenfalls selten zu beobachtenden Wasserralle (Rallus aquaticus) verwandt und besiedeln ausgedehnte Schilfbestände und Sumpflandschaften. Die Vorkommen der Sumpfhühner sind in Deutschland durch umfangreiche Melioration von Feucht-gebieten im 20. Jahrhundert stark zurück gegangen. Nach der aktuellen Roten Liste von Deutschland gelten die Bestände von Tüpfelsumpfhuhn (Porzana porzana) als stark gefährdet, vom Kleinen Sumpfhuhn (P. parva) als vom Aussterben bedroht und vom Zwergsumpfhuhn (P. pusilla) gar als erloschen.
In Gebieten, in denen großflächig Renaturierungsmaßnahmen von Feuchtgebieten durchgeführt wurden, ist in den letzten Jahren eine Zunahme bzw. Rückkehr der Rallen zu beobachten. In der Saison 2007 gelangen im Tal der Peene in Mecklenburg-Vorpommern (MV) zwei Brutnachweise für Porzana pusilla, die ersten in Ostdeutschland seit 90 Jahren. In denselben Untersuchungsflächen brüteten auch 30 Paare von Porzana parva und 160 Paare von P. porzana. Außerdem wurden 250 Brutpaare der Wasserralle beobachtet. Mecklenburg-Vorpommern hat als erstes deutsches Bundesland im Jahr 2000 ein umfangreiches Moorschutzprogramm verabschiedet, das weit reichende Wiedervernässungsmaßnahmen einschließt. Insgesamt sollen über 130.000 ha ehemals genutzter Moorgrünländer renaturiert werden. In den letzten 10 Jahren wurden bereits 20.000 ha wieder in einen naturnahen Zustand überführt.

Untersuchungsgebiet: Polderflächen im Peenetal (Foto: B. Herold)
Um die Untersuchungen über die gefährdeten Rallenarten zu fördern und Wissenslücken über ihre Biologie und Ökologie zu beheben, unterstützt der Brehm Fonds von 2008-2010 Felduntersuchungen im Bereich des unteren Peenetals (MV). Unter der Leitung von Dr. Angela Schmitz-Ornés (Vogelwarte Hiddensee, Universität Greifswald) wird dieses Projekt von Dipl.-Biol. Alexander Eilers im Rahmen einer Promotion bearbeitet und betreut. Dabei sollen die Habitatansprüche der Sumpfhuhnarten während der Brutsaison analysiert werden, um Überlappungen der ökologischen Nischen und artspezifische Spezialisierungen zu dokumentieren. Die Analyse der individuellen zeitlichen und räumlichen Nutzung der Territorien, soziale Interaktionen und innerartliches sowie zwischenartliches Territorialverhalten werden bei diesen Untersuchungen ebenso eine Rolle spielen wie die biotische und abiotische Beschreibung der Habitate. Bruterfolg und Prädation werden ebenfalls wichtige Parameter für die Bewertung der Qualität der Habitate und Territorien sein. Dabei wird auch der Frage nachgegangen, inwieweit die Anwesenheit der Wasserralle die Etablierung von Porzana-Populationen beeinflusst. Dazu sollen Individuen aller drei Sumpfhuhnarten in den Untersuchungsgebieten mit kleinen, auf dem Rücken befestigten Sendern versehen und ihre Aktivitäten räumlich-zeitlich überwacht werden.
Feldarbeit: Eine Falle zu setzen bedeutet großen Aufwand (Foto: A. Schmitz)
Erste Ergebnisse der Telemetriedaten zeigen, dass Klein- und Zwergrallen vergleichbar große Reviere bis zu 2500 qm bewohnen, während Tüpfelrallen etwas größere Reviere besetzten. Eine erstaunliche Beobachtung ist, dass sich einige Kleinrallen-Paare mit etwa 10x10 m großen isoliert stehenden Seggenbeständen zufrieden geben. In diesen Revieren konnte das besenderte Individuum zu keinem Zeitpunkt außerhalb dieser sehr kleinen Bestände festgestellt werden. Eine Interpretation dieser Tatsache steht noch aus. Es ist aber zu vermuten, dass dieser kleine Bereich ausreichend Nahrung und Schutz bietet, was aufgrund der aufwendigen Jungenaufzucht bemerkenswert erscheint.
Es wurden insgesamt über 200 Vegetationsaufnahmen gemacht, wobei genau darauf geachtet wurde, diese nur in sicher festgestellten Brutrevieren vorzunehmen. Auch ohne bisherige statistische Auswertung der Daten kann man jetzt schon sagen, dass der Wasserstand die wichtigste Rolle in der Habitatwahl der Porzana-Arten spielt. Wassertiefen von 0 bis 55 cm wurden registriert. In Bereichen mit einem Wasserstand von mehr als 55 cm konnten keine der hier untersuchten Rallen festgestellt werden.
Zur Klärung populationsgenetischer Fragestellungen werden seit zwei Jahren Gewebeproben in Form von Federkielen gesammelt. Eine der wichtigsten Fragen in diesem Zusammenhang ist: Was ist eine Population? Bei der Ausarbeitung von Schutzmaßnahmen ist dieses Wissen wichtig. Denn nur wenn feststeht, welche Individuen einer Population angehören, können allgemein gültige Konzepte erarbeitet werden, die auch außerhalb der Untersuchungsgebiete ihre Anwendung finden. Zurzeit wird intensiv an der Entwicklung geeigneter Methoden gearbeitet. Hauptbestandteil ist hierbei die Identifizierung geeigneter genetischer Marker im Erbgut der Rallen, die zur Klärung dieser Frage herangezogen werden können. Hierbei wurden schon entscheidende Fortschritte erzielt, so dass aller Voraussicht nach Anfang nächsten Jahres damit begonnen werden kann.
Eine weitere wichtige Fragestellung hat sich bei der Eingabe der Beringungsdaten ergeben. Bei der Wasser- und Tüpfelralle können die Geschlechter nicht anhand von Gefiedermerkmalen unterschieden werden. So entstand die Idee, einen neuen Bestimmungsschlüssel zu erarbeiten, der aus den erhobenen Daten - Körpermasse, Schnabel-, Tibiotarsus-, Flügel- und Teilfederlänge (Länge der 3. Handschwinge) - die Ermittlung des Geschlechts erlaubt.
Hierzu war es jedoch zunächst notwendig, die Geschlechter der Vögel eindeutig zu bestimmen. Eine Möglichkeit hierfür bietet die DNA. Ein langer Prozess nahm seinen Anfang. Als Ergebnis kam nicht nur das Geschlecht der einzelnen Individuen heraus, sondern auch neue Erkenntnisse über die Eigenschaften der Geschlechtschromosomen von Wasserrallen und Tüpfelsumpfhühnern. Diese können dazu verwendet werden, eine verbesserte Methodik zur genetischen Geschlechtsbestimmung von Rallen (Rallus) und Sumpfhühnern (Porzana) zu erarbeiten.
Die anschließenden statistischen Auswertungen haben gezeigt, dass sich die Männchen und Weibchen der beiden untersuchten Arten in ihrer Körpergröße und in den Proportionen der Körpermaße eindeutig unterscheiden. Dieses Ergebnis bietet nun eine fundierte Grundlage zur Erarbeitung des neuen Bestimmungsschlüssels, der vermutlich noch bis Ende diesen Jahres fertig gestellt sein wird. Diese Arbeiten stellen jedoch erst einen Anfang der genetischen Arbeiten zu diesen Arten dar. Geplant sind noch viele weitere zu den Themen Populationsgenetik und Phylogenie. Diese Themen versprechen viele weitere spannende Ergebnisse, die es uns ermöglichen werden, mehr über diese faszinierende Vogelgruppe zu erfahren.
Unser Ziel ist es, mit Hilfe des auf drei Jahre angelegten Projektes und des Moorschutzprogramms Schutz- und Managementmaßnahmen auszuarbeiten, um Porzana porzana, P. parva und P. pusilla wieder dauerhaft in Deutschland anzusiedeln. Über den Fortgang der Untersuchungen werden wir auf unserer Homepage sowie in unseren Rundbriefen "Zum Fliegen geboren" (vgl. ZFG 1/2008, 2/2008, 2/2009, 1/2010) berichten.
Beringungsaktion: Küken des Kleinen Sumpfhuhns (Foto: B. Herold)
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