Vor dem Aussterben: Philippinen-Hornvögel
Männchen an Nisthöhle (© M. Paulat/PESCP) |
Zu den gefährdetsten Vogelarten der Philippinen zählen der Korallenschnabel-Hornvogel (Aceros waldeni) und der Tariktikhornvogel (Penelopides p. panini), die nur noch auf wenigen Inseln des Pazifikstaates vorkommen. Letztere Art ist auf Negros selten, und auf Panay gibt es nur einige hundert Paare in dem verbliebenen Restwald der westlichen Kordillere. Auf Guimaras zwischen diesen beiden Inseln, wo der Wald gänzlich Mangopflanzungen und anderem Anbau weichen musste, gibt es Tariktiks gar nicht mehr. Ebenfalls stark bedroht ist der Korallenschnabel-Hornvogel, von dem man bis vor kurzem nur ca. 100 Paare angenommen hatte. Intensive Begehungen im Central Panay Mountain Range ergaben jedoch einen Bestand von etwa 500 Brutpaaren. Dieser Erfolg basiert zweifellos auf effizienteren Nestbewachungsmassnahmen und der Ausweitung der Zählungen.
Beide Arten sind an primäre Regenwälder gebunden, in denen sie in den Höhlen von Urwaldbaumriesen brüten. Für jede der erfolgreich ausgeflogenen Bruten zahlt das PESCP eine Nestprämie, z.T. individuell an frühere Nestplünderer, beispielsweise in Form von Einkommens-verbesserungen an die Dorfgemeinschaften. Dieser Schutz kam auch dem weniger intensiv betreuten, weil zahlreicheren Tariktik, sowie anderen schwer bedrohten Wildtierarten wie z.B. dem Prinz Alfred-Hirsch (Cervus alfredi) zugute. Da Hornvögel selbst keine Nisthöhlen zimmern, leiden sie jedoch zunehmend unter akutem Nisthöhlenmangel, da alte Hartholzbäume kriminellerweise immer wieder gefällt werden, obwohl unsere Ranger inzwischen wirksame Gegenmaßnahmen gegen diese Holzmafia eingeleitet haben.
Außerdem werden noch immer Jungvögel aus den Nestern genommen und auf lokalen Märkten zum Verkauf angeboten. Ein Kleinbauer hat einen Verdienst von wenigen tausend Pesos im Jahr, d.h. von 50-100 Euro, oft auch gar keinen. Dann reicht der angebaute Reis nur für seine ca. 6-8-köpfige Familie, und manchmal nicht durchs ganze Jahr. Da zahlt es sich aus, für einen aus dem Nest geraubten Korallenschnabel 500 Pesos auf dem nächsten Markt zu erzielen, was bei einer durchschnittlichen Brutgröße von zwei bis drei Jungvögeln 1.000-1.500 Pesos bedeutet. Diesen Handel hat das PESCP durch systematische Marktkontrollen und Beschlagnahmen von Hornvögeln in Privathaushalten, wo sie verspeist oder unter katastrophalen Haltungsbedingungen - oft angeleint - gehalten werden, nahezu zum Erliegen gebracht. Im Gegenzug hat das PESCP in zahlreichen an den Wald grenzenden Dörfern in NW-Panay alternative Einkommensverbesserungen sowie Nestbewachung eingeführt, so dass wieder viel mehr Vögel ausfliegen als noch vor sechs Jahren. Die Plünderrate wurde von ca. 50 % auf unter 50 % gedrückt. Zugleich war eine ausgleichende Anhebung des Lebensstandards durch Schweinemast und –zucht, durch Verbesserung der Hühnerhaltung, durch Pflanzung verkaufsträchtiger Gemüse, Einführen einer Bio-Düngung, Feldbewässerung und andere Maßnahmen möglich.
(© Tim Laman/PESCP) |
Unter der Federführung von Prof. E. Curio, Ruhr-Universität Bochum, betreibt das „Philippine Endemic Species Conservation Project” (PESCP) auf der Grundlage eines Vertrages mit der Regierung der Philippinen (Department of Environment and Natural Resources) Artenschutz-vorhaben und hierauf bezogene Forschung in den Urwäldern der Inselgruppe seit 1995. Um die Restbestände der beiden Hornvögel zu erhöhen, wurden vom PESCP mehrere Maßnahmen ergriffen, um wirksam Hornvogel- und Waldschutz sowie die Interessen der Menschen zu berücksichtigen. Dazu gehören Aufklärungskampagnen („Ohne Wald kein Trinkwasser“, „Ohne Vögel keine Waldverjüngung“) und Maßnahmen zur Einkommensverbesserung. Außerdem konnte ein Nestbewachungsprogramm das Ausräubern der Korallenschnabel-Bruthöhlen für den Schwarzmarkt von 50 % auf ca. 5 % herabdrücken.
Ein wesentlicher Bestandteil des Rehabilitations- und Überwachungsprogramms des PESCP ist die Auswilderung von Hornvögeln, die aus Beschlagnahmen und Schenkungen illegal gehaltener Individuen stammen. Ihre Überwachung erfolgt mittels eines 2005 in Betrieb genommenen Telemetriegerätes, das vom Brehm Fonds mitfinanziert wurde. Zunächst wurden die Tariktiks gesundgepflegt oder - im Fall von Jungvögeln - aufgepäppelt, bis sie sich tadellos entwickelt und durchgemausert hatten. Fruchtbeladene Zweigbündel ließen die Vögel zudem das nötige Bewegungsgeschick im Gezweig erlernen. Vor der Auswilderung erfolgt noch ein Gesundheitscheck durch den Projektveterinär, der über zunehmend bessere Nachweismethoden für Erreger (z.B. NCD, Chlamydien, Parasiten) und das weltbeste Blutanalysegerät (VetTest 8000) verfügt. Anschließend wurden die Tariktiks in den Wald um die Forschungs-station auf der im nordwestlichen Panay gelegenen Halbinsel behutsam freigelassen („soft release“-Methode).

Um das Schicksal der so ausgewilderten Hornvögel zu verfolgen, werden sie Stunden vor dem Freilassen beringt und besendert. Bisher wurden sie danach mit Peilempfängern und handgehaltenen Yagi-Antennen überwacht, was aufgrund der geringen Reichweite ein im unwegsamen Regenwald mühsames Unterfangen war. Dies sollte sich mit dem Erwerb von stationären Antennen, die ihre Signale über weite Entfernungen empfangen und in Empfänger mit Dataloggern leiten, ändern. Wir planten, diese Antennen an erhöhten Punkten im Gelände der NW-Panay-Halbinsel wie z. B. Bergrücken, und dort auf dem jeweils höchsten Baum, dauerhaft anzubringen. Mit drei über die Halbinsel verteilten Antennen sollten sich so die Bewegungen und das Überleben der Hornvögel in dem ca. 5.000 ha großen Waldgebiet lückenlos erfassen lassen. Damit begann eine der frustrierendsten Phasen des Projekts. Die von einem Lieferanten in Kanada und in den USA erworbenen Telemetriegeräte, zu denen der Brehm-Fonds dankenswerter Weise beigetragen hatte, lagen gut zwei Jahre in Lagern des Zolls in Manila, ehe das PESCP sie unter grössten Schwierigkeiten dort auslösen konnte. Die hohen Zoll- und Lagergebühren waren zunächst nicht bezahlbar. Nach langen Verhandlungen, an deren Ende schon ein Scheitern mit anschließender Versteigerung drohte, gelang schließlich das Auslösen der Geräte durch mehrere nacheinander entsandte Kontaktpersonen des Projekts. Hier zeigte sich eine der Achillesfersen von Naturschutzarbeit, die der Fauna dieses Landes zwar nützt, aber sich - ohne die Hilfe der relativ machtlosen Naturschutzbehörde - in einem Paragraphendschungel allzu leicht verfängt.Im Zuge der Vorbereitung der Montage der stationären Antennen mit ihrem Anschlussgerät war die Fertigung von Solarzellen zur Versorgung der Batterien der Empfänger sowie die von Blitzableitern nötig. Eine Mannschaft aus Einheimischen, nämlich ein Forschungsassistent, ein Radiotechniker aus Kalibo, ein PC-Spezialist aus Pandan sowie Träger und weitere Helfer arbeiteten wochenlang an der Vorbereitung der Montage.
Um das Wohlwollen der Kleinbauern in den umliegenden Dörfern zu gewinnen, wurden Massnahmen zur Einkommensverbesserung durchgeführt, z.B. Schweinezucht und -mästerei. Solche Maßnahmen sind kapitalintensiv. Darüber hinaus verlangten die Dorfältesten des jeweiligen „Barangay Council“ geschäftstüchtig die Löhnung eines „Antennenpflegers“ aus ihrem Dorf; der eine gewisse Gewähr für die Instandhaltung der Antennen bieten sollte, aber keine Garantie für Ihre Unversehrtheit abgeben konnte. So erhöhten sich die Kosten für die Antenneninstallation noch einmal auf unvorhergesehene Weise. Deshalb sind wir weiterhin dringend auf Spendenmittel angewiesen. Zum anderen machten die Ältesten eines Dorfes plötzlich gesundheitliche Einwände gegen das Aufstellen; die Antennen könnten vorbeigehende Personen durch ein angebliches elektromagnetisches Feld schädigen. Eine von uns an die nationale Telekommunikationsbehörde gerichtete Anfrage mit genauen technischen Angaben über die Empfangsanlage erbrachte zu unserer Erleichterung die erwartete Bestätigung, dass die Antennen keine gesundheitliche Gefahr darstellten. Sie würden kein Feld erzeugen wie z.B. klassische Antennen der Rundfunk- und Fernsehsender, deren „Elektrosmog“ tatsächlich Gesundheitsrisiken birgt. Unsere Antennen sind reine Empfangsgeräte, die keine Wellen aussenden. So war auch diese Schwierigkeit behoben und der Weg zur Installation frei.
Ende des Sommers 2007 standen die drei Antennenanlagen bei den Dörfern Santo Rosario, Luhod Bayang und Bot-bot. Nun können weitere Hornvögel mit größerer Erfolgsaussicht auf Daten zu ihrem Überleben im Vergleich zu Kontrollvögeln besendert freigelassen werden, erstmals auch Korallenschnäbel. Denen kommt nun überdies unser Experimentieren mit den weniger bedrohten Tariktiks zugute.
Text: A.-A. Weller/E.Curio (PESCP)
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